Tagebuch.

    Natürlich können Sie das widerlich finden. Geht mir ja selber so. Aber ich hab die Regeln nicht gemacht. Und in dieser Situation, zwischen Martin und mir, wenn da einer die Regeln festgesetzt hat, dann ja wohl Martin. Ich war ja schon einen Monat da und habe mich vorbildlich verhalten. Und mit allen gut verstanden. Und gelacht haben wir. Am Tag bevor Martin kam, haben wir gelacht, als die Anderen meinten, dann sei das ja nicht mehr so stressig für mich, wenn der neue Praktikant da wäre, dann könne ich ja Jobs delegieren. Dann wäre ich Seniorpraktikant, haben wir gelacht.

    Und dann, am vierten Tag den Martin da war, ist der Gerald Heidinger ins Büro gekommen hat mir wie immer freundlich zugenickt und hat der Peggy Bauer zugenickt und dem Ralf und ist zum Martin und hat ihm die Hand auf die Schulter gelegt. Er hat seinen Kopf neben Martins Kopf gehalten, um auf Martins Bildschirm zu schauen. Was sie geredet haben, weiß ich nicht, weil zwischen dem Martin und mir sitzen ja noch die Peggy Bauer und der Ralf. Aber der Gerald Heidinger hat mit dem Finger auf den Bildschirm vom Martin gezeigt, sich wieder aufgerichtet und gelächelt und dem Martin die Hand noch mal auf den Rücken geschlagen und mir beim rausgehen dann nicht mal mehr nett zugenickt.

    Das war nur einen Tag nach dem Tag, an dem die Sabine Scholl mich auf meinem Apparat angerufen hatte, um mir Bescheid zu sagen, dass sie jetzt Zeit habe das Gespräch zu führen, dass sie mir angekündigt hatte, mit den Worten, dass ich mir schon einmal überlegen solle, ob ich mir vorstellen könne, hier zu arbeiten, also richtig, für Geld. Nachdem ich, wie sie fände, mich gut angestellt hätte, in den arbeitsreichen Wochen, in denen ich ja mehr getan hätte, als von einem Praktikanten erwartet werden könne. Und ich war nach dem Anruf in das Büro gegangen und hatte mir überlegt, dass ich mir gut vorstellen könne hier zu arbeiten, aber als die Sabine das Gespräch recht zielstrebig darauf lenkte und betonte, dass sie zu dem stehe, was sie gesagt habe, sagte sie, dass sie bei dem derzeitigen Sparkurs darüber nicht allein entscheiden könne. Da müsse der Gerald Heidinger letztendlich entscheiden, und der habe gesagt, ich verhielte mich zu unauffällig. Das sagte mir die Sabine Scholl im Vertrauen. Der Martin, habe der Gerald Heidinger gesagt, der käme ja ab und zu in sein Büro, aber mich kenne er ja kaum. Sie gebe mir den Rat, doch auch mal mehr mit dem Gerald Heidinger zu reden.

    Und noch am Tag an dem der Gerald Heidinger die Hand auf den Rücken vom Martin gelegt hatte, hatte ich den Gerald Heidinger am Nachmittag am Kaffeeautomaten getroffen und er nickte mir freundlich zu, aber drehte sich bevor ich mein freundliches Nicken vollständig beendet hatte, weiter in seiner Bewegung; einer nachdenklichen Pose in langsamen Schritten vor dem Kaffeeautomaten, ohne selbst einen Kaffee zu trinken, so dass ich ihn nicht stören wollte. Offensichtlich dachte er nach. Ich nahm meinen Kaffee und verabschiedete mich mit dem üblichen Nicken, das er lediglich mit einem Heben der Augenbrauen, die er, ob seiner nachdenklichen Pose, ohnehin schon weit oben hielt, quittierte. Eine Geste, die mich noch lange auf dem Heimweg beschäftigte, bis in den Abend und die Nacht hinein.

    So wenig schlief ich, dass ich vor Wut kochte, als ich am Morgen verspätet vor dem Fahrstuhl stand, dessen Tür sich vor meiner Nase schloss. Die Wut kochte, weil Martin im Aufzug stand und in einer lächerlich unmotivierten Bewegung versuchte die Lichtschranke der Tür zu erreichen und dann nolens volens ohne mich in die fünfte Etage fuhr. Natürlich gab ich mir nicht die Blöße die Treppe zu nehmen. Ich wartete, mit dem Bild des achselzuckenden Martin vorm inneren Auge, bis der Aufzug sich wieder Parterre bequemte.

    Grimmig war es mir egal, wer da jetzt noch durch die Foyertür kam, wen ich da nur im Augenwinkel sah – und dann im Spalt der sich schließenden Türen sah ich den Gerald Heidinger. Sein enttäuschtes Gesicht. Dann meines im blank polierten Metall der Fahrstuhltür. Jede Faser meines Körpers spürte Schwerkraft als der Aufzug abhob.
    Man mag das widerlich finden, aber ich stieg im fünften Stock aus dem Aufzug, betrat das Büro, nickte der Peggy Bauer freundlich zu und dem Ralf und hieb dem Martin eins auf die Fresse.

RTH